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Kräuterbuschn und die Frauendreissiger

In der Zeit vom 15. August bis zum 15. September schwärmen Kräuterfreunde aus, um in der Natur die wirksamsten Kräuter für das ganze Jahr zu ernten. Im Volksglauben hält sich die Meinung, Kräuter seien in dieser Zeit voller Magie und durch die Kräuterweihe werden Heil und Segen dreifach verstärkt.

aus “Lebendige Bräuche in Südtirol” ©Athesia Tappeiner Verlag, 2018

 

Wohin mit dem Kräuterbuschn?

  • Der geweihte Kräuterbuschn wird im Herrgottswinkel aufgehängt und bei Gewitter eine Prise davon verräuchert.
  • In einigen Orten gibt es den Brauch, Körbe mit Heublumen auszulegen und sie dann mit Kräutern aufzufüllen. Die geweihten Heublumen verfüttern die Bäuerinnen dem Vieh, um es zu stärken und vor Krankheiten zu schützen.
  • Früher legten Eheleute ein kleines Kräuterbüschel fürs Eheglück unter das Kopfpolster (Kissen).
  • Ein größeres Büschel kam auf den Dachboden, damit das Haus vor finsteren Mächten verschont blieb.

 

Kräuterbrauchtum

Maria Himmelfahrt ist – nach dem Gründonnerstag und nach Johanni – der Beginn der drittwichtigsten Kräutersammelzeit im Jahr, die bis zum 15. September andauert. Diese Zeit von Maria Himmelfahrt bis Mitte September wird der „Frauendreißiger“ genannt. Kräuterkundige sind sich einig, dass Heilkräuter in dieser Zeit besondere Kräfte haben.

Der Brauch der Kräuterweihe am 15. August geht im Christentum auf eine Legende zurück, nach der die Apostel im leeren Grab Mariens duftende Rosen und Kräuter fanden. Zur Erinnerung werden Heilpflanzen, Blumen und Nutzpflanzen aus Feld und Garten zu Sträußen gebunden oder kunstvoll in Körbe gesteckt und in der Kirche gesegnet.

Im Laufe der Zeit wurden die Buschn immer größer und prächtiger. Es hieß:

Je größer und schöner der Buschn desto größer der Bauer und damit auch die Bäuerin!

 

In vielen Gemeinden binden Frauen kleine Kräutersträuße und verteilen sie nach der Kräuterweihe an die Kirchenbesucher. Die kleinen Büschel haben den Vorteil, dass sie schneller und besser trocknen. Den geweihten Kräutern wurde immer schon eine besondere Kraft zugesprochen. Sie dienten das Jahr über als Bauernapotheke.

 

aus “Lebendige Bräuche in Südtirol” ©Athesia Tappeiner Verlag, 2018

 

Es hält sich der Brauch, die gedörrten Weihkräuter in einer Schachtel mit den gesegneten Palmkätzchen aufzubewahren und die getrockneten Kräuter bei Unwetter zu verreiben und zu raachen (=räuchern). Der Rauch soll das Haus vor Hagel und Feuer schützen. Auch bei Krankheit „von Mensch und Vieh“ wird die Schachtel hervorgeholt, um daraus einen Kräutertee zu bereiten oder es dem Vieh in das Futter zu mischen. Für das Räuchern in den Rauchnächten und zur Weihnachtszeit wird etwas davon aufgehoben.

Das Wissen um die Heilkräfte aus der Natur ist alt und wurde vor allem von Frauen von einer Generation an die nächste weitergegeben. Besonders auf entlegenen Berghöfen mussten sie sich in Krankheitsfällen selbst behelfen.

Foto: Kräutererbe Bacherhof, Florian Andergassen

 

Die Zahl der Kräuter

Über die Zahl der Kräuter gibt es je nach Gegend unterschiedliche Vorgaben. Auffallend ist, dass es vor allem Frauenkräuter sind. Früher durften nur Wildkräuter zum Kräuterbuschn gebunden werden, heute bereichern auch Donnerkugeln, Gartenblumen, Ähren und Garten-Kräuter die Sträußlein.

In der Mitte des Bündels thront die

  • Königskerze

Foto: Pixabay

Sie wird eingerahmt von:

  • Beifuß,
  • Schafgarbe,
  • Johanniskraut,
  • Pfefferminze,
  • Frauenmantel,
  • Kamille,
  • Rainfarn,
  • Thymian,
  • Haselnusszweige,
  • Goldrute
  • oder Wermut.

 

Heilige Zahlen

Auf alle Fälle soll die Anzahl der Kräuter eine symbolische oder eine heilige Zahl sein.

3 Kräuter stehen für die Dreifaltigkeit

Die Drei gilt schon seit Urzeiten als Glückszahl und als heilige Zahl. Es gibt nicht umsonst die Heilige Dreifaltigkeit, die heiligen drei Könige aus dem Morgenland und die drei heiligen Madlen.

7 Kräuter für die sieben Sakramente

9 gilt als die verstärkte Drei

Die Vervielfältigungen der heiligen Zahl 3 (und auch der anderen) sind heute noch überliefert. Vielerorts gehören in einen Kräuterbuschn:

drei mol drei bsundere Kräuterlein.

Drei mal drei ist das Symbol der Vollendung und der Ewigkeit. ln alten Kräuterbüchern tauchen oft neunerlei Kräuter auf. Aus drei mal drei Kräutern wird die Gründonnerstagssuppe gekocht und von drei mal drei Kräutern sprechen alte Kräutersegen.

12 Kräuter steht für die Anzahl der Apostel.

 

Drei mol drei bsundere Kräuterlein…

für das Kräutersträußlein, das zu Maria Himmelfahrt geweiht wird:

  1. Königskerze – die Donnerkerze
  2. Beifuss – das Frauenkraut
  3. Goldrute – das Heilmittel der Niere
  4. Schafgarbe – das Krampfkraut
  5. Johanniskraut – der Wundheiler
  6. Rainfarn – ein altes Wurmmittel
  7. Salbei – der Lebensretter
  8. Rosmarin – das Hochzeitsbliaml
  9. Labkraut – das Hexenkraut

 

Marienmonat in der Sommerzeit

Sie wachsen von der Sonne, gedeihen lässt sie der Regen, ihr Duft ist eine Wonne, ihr Bestehen ein Segen. Heilige Mutter Gottes, segne uns und unser Haus.

Der August wird als Marienmonat in der Sommerzeit bezeichnet. Die heilige Mutter Gottes hat den Platz von vorchristlichen Göttinnen und den damit verbundenen Kräuterbräuchen übernommen. Auch wenn heidnische Zaubersprüche mit christlichen Gebeten und Segenssprüchen ersetzt wurden, der Glaube an die Macht und die Kraft der Kräuter ist heute noch so lebendig wie früher, davon zeugen die Bräuche rund um den Kräuterbuschen und den Frauendreissiger.

Foto: Pixabay

 

Hochunserfrauentag – 15. August

Am 15. August feiert die Kirche das Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel.

Das älteste und höchste Marienfest heißt auch Maria Himmelfahrt, Hoher Frauentag oder Hochunserfrauentag. Früher war es auch unter „Maria Schlaf“ bekannt, diese Bezeichnung deutet auf den Tod der Gottesmutter hin.

In Südtirol sind viele Kirchen der Gottesmutter Maria geweiht – darunter der Dom in Brixen und der Dom in Bozen -und 36 Kirchen feiern am Hohen Frauentag ihr Patrozinium mit feierlichen Prozessionen.

Der 15. August ist seit 1959 auch der Tiroler Landesfeiertag.

In Südtirol wird – wie in Italien üblich – dieser Feiertag von vielen als „ferragosto“ bezeichnet, hergeleitet vom „feriae Augusti“, dem Festtag des Augustus.

 

Frautragen

Die Mutter Gottes war und ist in ihrer Einfachheit und Mütterlichkeit vielen Gläubigen näher als der „allmächtige Gott Vater“. Mit dem Herumtragen einer Marienfigur oder eines Marienbildes – im Rahmen einer Prozession – soll sich dem Volksglauben nach der Segen der Gottesmutter über alle „ausbreiten“. Auch kommt „zu Ehren der Himmelskönigin“ an jedem Samstag im Mai die Sonne wenigstens einmal hinter den Wolken hervor.

 

Kräuterweihegebet

Gott, Du ließest durch Jesaja (11,1) im Alten Bunde ankündigen: […]
Dieses Röslein, diesen Reis aus Isais Stumpf, diesen Zweig Jesses, diese virgam Jesse, nämlich die allerseligste Jungfrau und Gottesgebärerin, die Mutter Deines Sohnes und unseres Herrn Jesus Christus,
hast Du am heutigen Tag in den Himmel erhoben, damit Du uns Sterblichen auf ihre Bitten hin und unter ihrem Patronat die Frucht ihres Leibes, Deinen Sohn, vermittelst:
Wir bitten Dich demütig, dass wir kraft der Vollmacht dieses Deines Sohnes und unter dem glorreichen Patrozinium Seiner Mutter die Schutzwirkungen dieser Früchte der Erde für das irdische und ewige Heil zu nützen vermögen.“

 

Der große Frauentog

Frauentog mit Sonnenschein bringt Kraitlen, Glück und an siaßen Wein.

Maria Himmelfahrt am 15. August wird als „Großer Frauentag“ bezeichnet und Maria Geburt am 8. September als „Kleiner Frauentag“. Die Zeit zwischen diesen beiden Festen nennt sich die Zeit der „Frauendreißiger“. Da die Zeitspanne aber weniger als 30 Tage umfasst, werden acht Tage nach dem „Kleinen Frauentag“ dazugezählt. Die Frauendreißiger enden somit am 15. September, dem „Gedächtnis der Schmerzen Mariens“.

Früher hüteten die Bäuerinnen die Eier, die die Hennen in dieser Zeit gelegt hatten und nannten sie die „Dreißigen-Eier“. Sie ließen sich nicht vom Glauben abbringen, dass diese nicht verderben und nicht faulen. Deshalb wurden sie nicht verkauft, sondern für den Winter aufbewahrt.

In die Zeit der Frauendreißiger fallen weitere wichtige Marien-Gedenktage, wie das Fest Maria Königin am 22. August und das Fest Maria Namen am 12. September.

Foto: Anna Ebnerr

 

Lostage und Bauernregeln

In diese Zeit fallen mehrere Lostage. Besonders zu Maria Himmelfahrt wird das Wetter beobachtet, um daraus ein gutes Wein- und Erntejahr zu prophezeien.

Wie sich’s Wetter um Maria Geburt tut halten, so wird es sich noch vier Wochen gestalten.

Gib’s zu Maria Himmelfahrt Sunnenschein, bring sell gonz an guaten Wein.

Hat uns’re Frau gut Wetter, wenn sie zum Himmel fährt, gewiss sie guten Wein beschert.

Himmelfahrt Maria Sonnenschein bringt guten Wein.

 

Mit den Bräuchen rund um den Kräuterbuschn und den Frauendreissigern wünsche ich zusammen mit den Südtiroler Kräuterfrauen eine kraftvolle Hochsommerzeit!

 

Die Beschreibung der Bräuche habe ich – geringfügig verändert – aus meinem Buch Lebendige Bräuche in Südtirol entnommen, das im November 2018 im Athesia Tappeiner Verlag erschienen ist. Die zweite Auflage ist jetzt im Buchhandel wieder erhältlich.

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